Indigene Identität, Bildung und Kultur
Ein Vortrag zu Chancen und Grenzen der interkulturellen Erziehung
für den gesellschaftlichen Wandel am Beispiel Guatemalas
In den letzten Jahrzehnten ist in Lateinamerika ein neues Verständnis bezüglich der bestehenden kulturellen Vielschichtigkeit entstanden. Die Erkenntnis über die Notwendigkeit auf die kulturelle und linguale Vielfältigkeit der Gesellschaften einzugehen, hat zu einem Wandel im Umgang mit der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas geführt. Statt gewaltsamer Unterdrückung und Genozid, wie es noch bis in die 1980er Jahre hinein in einigen Ländern Lateinamerikas Praxis war, wird der Multikulturalität der Gesellschaften bereits in den meisten Verfassungen Rechnung getragen.
Bildung gilt als ein Schlüsselfaktor für die überwindung von Armut. In Lateinamerika sind überproportional die indigenen Bevölkerungsgruppen von Armut betroffen. Einer der Gründe dafür ist der geringe Zugang zu Bildung und Ausbildung. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein dominierte die Auffassung, die indigenen Völker durch die Vermittlung der spanischen Sprache zu zivilisieren und hierfür ausschließlich in Spanisch zu unterrichten. Die indigene Sprache und Kultur sollten als veraltet erkannt und aufgegeben werden. In jüngerer
Zeit hat sich Interkulturalität in den neuen Schulmodellen Lateinamerikas herausgebildet. Die SchülerInnen werden hierbei nicht nur in zwei Sprachen unterrichtet, sondern das Curriculum wird aus den beiden Kulturen heraus gedacht und entwickelt. Das Konzept dient der Festigung der eigenen Identität und dem Verinnerlichen der eigenen Herkunftskultur in Auseinandersetzung mit der herrschenden Kultur.
Besonders in von Bürgerkriegen heimgesuchten Gesellschaften kann die bilinguale, interkulturelle Erziehung einen wichtigen Beitrag zur Friedenskonsolidierung leisten. Als Beispiel dient hierfür
das mittelamerikanische Land Guatemala. In der Zeit des guatemaltekischen Bürgerkriegs (1962 bis 1996) ging die Armee gezielt gegen die indigene Bevölkerung vor. Der Frieden von 1996 war Ausgangspunkt der interkulturellen Erziehung in Guatemala. Eines der ersten Abkommen das von der Regierung und der Guerilla Mitte der 1990er Jahre unterzeichnet wurde, handelt von der Identität und den Rechten der Maya. Der Vertrag verpflichtet den Staat zu einer Bildungsreform, die von den indigenen Organisationen mitgestaltet werden soll.
Im Rahmen des Vortrags wird auf die Thematik der bilingualen und interkulturellen Erziehung und deren Bedeutung für den Aufbau einer multiethnischen Gesellschaft eingegangen. Die Referenten berichten über den aktuellen Stand der Bildungsreform in Guatemala und deren Bedeutung für die Vergangenheitsbewältigung und Friedenskonsolidierung in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land.
Es sprechen:
Dr. Vilma Duque, Psychologin aus Guatemala. Sie lehrt zur Zeit an der Philipps Universität Marburg und hat lange Zeit für die Stiftung der Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu Tum gearbeitet. Später bei der GTZ/Guatemala war sie für die Ausbildung von PromotorInnen im Bereich psychosozialer Gesundheit verantwortlich.
Dr. Matthias Abram, Philosoph, ist seit über dreißig Jahren in der internationalen Zusammenarbeit in den Andenländern und in Mittelamerika tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in den Bereichen interkulturelle Bildung, zweisprachige Erziehung und interkulturelle Bildungsreform. _Er hat Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Kichwa (Ekuador), den Maya kĀ“iche (Guatemala) und den Aymaras (Chile). Er lebt in Bozen, Südtirol und in Quito, Ekuador.
28.November 2008, Marburg
19:30
Raum 013
Europäische Ethnologie, Marburg
Biegenstr. 9
Eine Veranstaltung von:
Lateinamerika Gruppe Marburg (Lama)
Eine studentische Initiative der Philipps Universität Marburg
Weltladen Marburg
Motivés e.V. Verein zur Förderung internationaler Kultur und globaler Gerechtigkeit, Kirchvers